Marta Karlweis letzter Roman wurde zuerst in der Neuen Freien Presse 1930/31 vorabgedruckt, die Buchfassung erscheint 1931 bei S. Fischer. Die Vorankündigung hebt zu Recht die „erstaunliche Wirklichkeitstreue“, den „starken Verismus“, Abwechselung und Spannung hervor.
Der Titel des Romans ist mehrdeutig in dem Sinn, daß er sich vordergründig auf den Kauf einer wertlosen Immobilie als vermeintlich wertvoller und in der Zeit der Inflation sicherer Investition bezieht, die sich aber als Schwindel, als windiges Geschäft, als Betrug herausstellt. Andererseits umfaßt der Begriff die Lebenspraxis vor allem der Töchter, die die ökonomisch prekären Existenzen und Gefährdungen vor der Großmutter und der Mutter Johanna Schnabel (mit ihren sechs Kindern) verheimlichen und eine bürgerlich intakte Scheinwelt vorgaukeln. Die Aufrechterhaltung dieses Scheins einer bürgerlich intakten Lebensordnung wird wiederum durch einen Betrug erkauft, indem Johannas jüngste Tochter Fritzi, eine Bankangestellte, über längere Zeit immer wieder kleinere Summen unterschlägt.
Karlweis bietet mit dem Roman Schwindel ein desolates Bild zum Teil selbstverschuldeter öknomischer Deklassierung des Bürgertums am Ende der Monarchie und in der ersten Republik. Sie arbeitet mit satirischer und zum Teil mit grotesken Überzeichnungen. Die Figuren sind nicht in der Lage, ihre Lebenssituationen rational zu reflektieren und nach Lösungen und Auswegen zu suchen oder sich für die Politik nur ansatzweise zu interessieren, wie es die fast erblindete Großmutter noch vorgelebt hatte. Der Riß zwischen dem aus einem bürgerlichen Statusdenken resultierenden Ansprüchen und der realen Pauperisierung ist nicht zu kitten, der Verelendung führt nicht etwa zu einer gelebten Solidarität oder zu einem veränderten Klassenbewusstsein, sondern zu Betrug und Schwindel.
Karlweis begründet mit ihrem satirisch-grotesken Roman in der deutschen Literatur eine literarische Tradition weiblichen Schreibens, die Veza Canetti in der "Gelben Straße" und in ihren weiteren Erzählungen aufgreift und bis zur Schreibpraxis der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek führen wird.
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